Home / Mut ist ansteckend

Mut ist ansteckend



Die Mölkerstiege ist  die „Hauszeitung“ von Trachten Tostmann die regelmäßig  über kulturelle Themen, Veranstaltungen, Land und Leute berichtet. Andrea Froschauer-Rumpl und Margit Schmidinger haben  für die kommende Ausgabe einen Artikel mit dem Titel „Mut ist anstekcend“ verfasst.  – DANKE Andrea und Margit für eure Worte!

Mut ist ansteckend
Das „Netzwerk Zuversicht“ in Schwanenstadt unterstützt Flüchtlinge

„Bei uns war es so, dass sich alle Flüchtlinge, die ins Dorf gekommen sind, am Kirchenplatz ver-sammelt haben. Dort hat sie der Lehrer aufgeteilt: jeder hat wen mit nach Hause genommen. Das war ganz selbstverständlich. Wenn jemand gemeint hat, er hätte keinen Platz im Haus, wurde geantwortet: ‚Das gibt es nicht. Platz hat jeder.’ “ erzählt mein Stiefvater.
Er meint 1945 – Die Flüchtlinge kamen aus Siebenbürgen.

Warum ist es für uns heute nicht selbstverständlich, Menschen in Not zu helfen? Hätten wir da-durch Einschnitte in unserem alltäglichen Leben, in unserem Lebensstandard?
Welche Werte bestimmen unsere Gesellschaft?
Man kann das Thema Migration diskutieren – doch dort, wo Krieg, Gewalt, Bedrohung an Leib und Leben vorherrschen, ist keine Zeit für lange Diskussionen. Da geht es darum, Lösungen zu finden.

Welche Lösungen?
Solche wie in Schwanenstadt. Zum Beispiel.
Am Anfang – die Sonderausgabe der Amtsnachrichten „Gästehaus für Kriegsflüchtlinge“ – eine gemeinsame Stellungnahme unseres Bürgermeisters, des gesamten Gemeinderates, der katholi-schen und evangelischen Kirche und der Volkshilfe als Appell und Information an die Bevölkerung: 40 Kriegsflüchtinge werden nach Schwanenstadt kommen.

Es entsteht das „Netzwerk Zuversicht“, eine Gruppe von 30 ehrenamtlichen Helfern, die überpar-teilich und überkonfessionell die Unterstützung für die Flüchtlinge organisieren, strukturiert in ein Kernteam und Arbeitskreise zu den Themen: Grundbedürfnisse, Sprache, Kinder und Jugend, Miteinander, Meinungsbildung und Flexible. Über Spendenaufrufe werden die Asylwerber mit dem Nötigsten versorgt. Es werden Deutschkurse und vielfältige Begegnungsmöglichkeiten organisiert, z. B. „Kulturkaffees“ im Flüchtlingsheim.
SchülerInnen kommen ins Flüchtlingsheim – im Gegenzug nehmen Flüchtinge am Unterricht teil.
Das „Fest der Kulturen“ mit über 500 Besuchern ist ein großartiger Erfolg und zeigt das Interesse der Bevölkerung.
Für alle ein schönes Erlebnis ist eine bunte gemeinsame Herbstwanderung auf dem „Weg der Sinne“ in Haag/Hausruck.
Für die Flüchtlinge besonders wichtig sind Patenschaften: jeder hat regelmäßig Kontakt zu einer Familie im Ort.So entstehen Beziehungen, die beide Seiten bereichern.Die Asylwerber spüren, dass sie jemandem wichtig sind und für uns ÖsterreicherInnen relativiert der Einblick in fremde Kulturen und Schicksale manche Unzufriedenheit. Angesichts der schrecklichen Not, die wir tagtäglich via Medien in unsere Wohnzimmergeliefert bekommen, tut es gut, konkret helfen zu können.
Ablehnung seitens der Bevölkerung hat es nur am Anfang gegeben. Bgm. Karl Staudinger sagt, er habe das thematisiert, z. B. in der Jungbürgerfeier. Seither hat er nichts Negatives mehr gehört.

Problematisch ist der erlebte Stillstand in den Asylverfahren. Das ist für alle schwierig, doch für jene, die ihre Familien in Lebensgefahr wissen, ist es schier unerträglich.
Für Mahmud z. B., als syrischer Kurde wurdeer erst vom Assad Regime und dann von der IS ver-haftet und gefoltert, seinVermögen wurde beschlagnahmt, sein Haus zerstört. 2013 hat Mahmud einen Einberufungsbefehl vom Assad Regime bekommen. Auch von Seiten der PKK ist auf ihn und seine Frau Druck ausgeübt worden, sich an Kampfhandlungen zu beteiligen. Da beide Gewalt ablehnen, hat Mahmud sich dieser Einberufung durch Verstecken entzogen. Seine Frau Wansa war geradezum dritten Kind schwanger, für Mahmuds Familie gab es keine Perspektive. Nach der Geburt seiner jüngsten Tochter ist Mahmud Anfang Oktober 2014 aus Syrien geflohen.
Zwei Monate dauerte die gefährliche Flucht. Nun ist er in Österreich in Sicherheit, aber seine Frau und die Kinder leben in großer Gefahr. Sie sind durch die Kampfhandlungen des Assad-Regime und der IS ständig bedroht, müssen immer wieder fliehen und sich verstecken. Die Situation ist für sie nun besonders dramatisch, da vor ca. zwei MonatenWansas Vater,zwei Wochen später Wansas Bruder und ihr Onkel durch Kriegshandlungen umgekommen sind.
Mahmud hat neun Monate ohne ein Signal von Seiten des BFA auf sein Interview gewartet. Doch nun hat er es endlich gehabt und wir hoffen, dass das Asylverfahren und die anschließende Fami-lienzusammenführung möglichst bald positiv abgeschlossen werden kann.

Das Asylverfahren ist das Nadelöhr für eine gelungene Integration. Mahmud braucht jetzt Schutz und Sicherheit, für sich und für seine Familie. Er hat, wie viele andere Flüchtlinge, zahlreiche Fä-higkeiten, die er einbringen will in unsere Gesellschaft, je früher, desto besser – für ihn und für uns.
Doch Mahmud ist einer von vielen – wir sehen tagtäglich Bilder mit tausenden Menschen. Jeder dieser Menschen hat eine Geschichte, Ängsten, Träumen, Hoffnungen … Und jeder hat Men-schen, die er liebt und die ihn lieben.

Welche Werte bestimmen unsere Gesellschaft?
Da ist so viel, was wir uns leisten können – wollen – sollen — doch was macht das mit uns? Was macht uns tatsächlich zufrieden und satt? Was macht unser Leben sicher?
Es ist erschütternd, wenn bei Wahlen diejenigen gewinnen, die hetzerisch den Egoismus mobilisie-ren. Wenn Hetze und Abwertung politische Macht bekommt, ist das gefährlich für uns alle. Das wissen wir aus der Geschichte.
Doch in letzter Zeit ist im Lande vermehrt Solidarität, Menschlichkeitund Zusammenhalt spürbar – Schwanenstadt ist nicht allein. Rundherum hört man von Initiativen der Hilfsbereitschaft und Will-kommenskultur: in Seewalchen, Gampern, Altmünster… Auch von politischen Vertretern, aus den Medien kommen wichtige Signale, Kirchenführer machen ihre Türen auf…
Eine schöne Geste aus Gutau: hier ist der Bürgermeister mit den neu angekommenen Flüchtlingen in einem Reisebus im ganzen Ort herumgefahren und hat ihnen die wichtige Plätze in der Ge-meinde gezeigt.
Öffentlichkeitswirksam eine Aktion des Kuriers: Suche nach der Integrationsgemeinde 2015 – 50 Gemeinden in ganz Österreich berichten von positiven Erfahrungen mit Flüchtlingen.
Oder die aktuelle Ö1 Aktion: „Vom Mauerbauen zum Brückenbauen“ – Initiativen bekommen eine Plattform, von ihren Geschichten des Helfens zu berichten.
All das sind ermutigende Beispiele für Entschlossenheit, Kreativität und letztlich für Lebensqualität.
Vielleicht brauchen WIR die Flüchtlinge, damit wir unsere gesellschaftlichen Werte überdenken. Weil wir nie wissen, ob wir nicht selbst einmal angewiesen sind auf Hilfe, Mitmenschlichkeit, Schutz.
Andrea Froschauer-Rumpl
Margit Schmidinger

 


  • Share Post

Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *